Mit der Hand nach Wasser bohren

(PZ vom 19.5.2006)

Der Eutinger Diplom-Ingenieur Matthias Klingel verhilft armer Bevölkerung in Madagaskar zu kostbarem Nass

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Das Bohrgestänge wird in das vorbereitete Erdloch eingeführt. In zwölf Metern Tiefe stößt das deutsch-madagassische Bohrteam auf das kostbare Nass.
PFORZHEIM/ANTANANARIVO. Die neue Heimat auf Zeit liegt 8000 Kilometer von Pforzheim entfernt: Matthias Klingel hält sich ehrenamtlich fünf Monate in Antananarivo auf Madagaskar auf und hilft den Einheimischen beim Brunnenbohren.

Trinkwasser ist ein kostbares und daher teures Gut auf Madagaskar, der vor der Ostküste Afrikas gelegenen Tropeninsel. Matthias Klingel, der als Diplom-Ingenieur normalerweise für die hydraulische Berechnung von deutschen Kanalnetzen oder der Planung von Tiefbaumaßnahmen zuständig ist, engagiert sich derzeit bei der Entwicklung eines neuen Handbohrverfahrens für Brunnen.

Leitung für wenige Dollar

„Nur ein geringer Prozentsatz der Bevölkerung kann es sich finanziell leisten, Trinkwasser von dem staatlichen Unternehmen zu beziehen. Zumal das mehrmals im Jahr die Preise kräftig anhebt. Als Alternative bleibt den Menschen meist nichts anderes übrig, als auf ihrem Grundstück 15 bis 20 Meter tiefe Brunnen zu graben, wobei die Wasserhygiene oft zu wünschen übrig lässt“, berichtet Klingel. Für seine ehrenamtliche Tätigkeit in der Dritten Welt war er von seinem Arbeitgeber beurlaubt worden. Für den Bau von Gemeinschaftsbrunnen, wie sie in kleineren Ortschaften zu finden sind, müssen rund 750 Euro aufgebracht werden.

Klingel hat sich nun mit einheimischen Fachkräften eines Unternehmens zusammengetan, das sich auf die Zusammenarbeit mit nichtstaatlichen Organisationen spezialisiert hat, Brunnen für einzelne Haushalte herzustellen, deren Preis zwei Dollar pro Meter Förderhöhe nicht überschreiten soll. „Das ist eine große und reizvolle Herausforderung“, sagt der Fachmann aus dem fernen Deutschland, der zu Hause in der Freizeit gerne wandert, surft, musiziert, Snowboard fährt und sich der Naturheilkunde verschrieben hat.

Künftig braucht ein madagassischer Brunnenbauer dank des Pforzheimer Know-how nur noch mit Hilfe eines Bohrkopfs und -gestänges ein vom Durchmesser her kleines Loch zu graben. Durch die jeweils drei Meter langen Rohrteile, die miteinander verschraubt werden können, wird beim Bohrvorgang Wasser nach unten gepumpt, das dann losgelöstes Erdreich nach oben schwemmt.

Rückkehr im August

Wenn die Grundwasserschicht erreicht ist, wird noch etwas tiefer gebohrt und schließlich ein Gehäuse eingebaut, das zusammen mit einer Kiesschicht die beweglichen Teile der Pumpe vor dem Eindringen von Sand schützt. Mit Hilfe eines Innenrohres kann nun das kostbare Nass nach oben gepumpt werden. Mit dem nur zwei Zentimeter dünnen Rohr sei es möglich, so Klingel , Wasser aus einer Tiefe von 40 bis 50 Metern zu fördern.„Besonders im Küstenbereich mit einem sandigen Untergrund wurden schon etliche dieser Brunnen installiert, mit denen der holländische Erfinder für Aufsehen gesorgt hat“, berichtet Klingel. Mit seinen örtlichen Mitarbeitern tüftelt er weitere Verbesserungen aus, um das Verfahren zu verbessern. Bis Ende August, wenn er wieder Richtung Heimat fliegt, will Klingel ein Ergebnis präsentieren, das dann direkt der Bevölkerung zugute kommt. Bohren von Hand, wie es in Lateinamerika gang und gäbe sei, werde den hiesigen Verhältnissen angepasst.

An Naturheilkunde interessiert

„Ich hatte fast ein Jahr lang im Internet nach einem Projekt gesucht, bei dem ich mich mit meinem Fachwissen einbringen könnte. Bei einem Wasser- und Abwasserdienstleister im Bereich der Entwicklungshilfe wurde ich schließlich fündig“, berichtet Klingel. Der kann sich durchaus vorstellen, später einmal „für einige Jahre im Entwicklungshilfebereich zu arbeiten“. Madagaskar ist übrigens sein erstes großes Fernreiseziel.“ Sprachprobleme hat er keine, denn der Eutinger beherrscht Französisch und auch die ersten Wörter in Malagasy kommen ihm schon flott über die Lippen.In seiner knapp bemessenen Freizeit und in den Abendstunden bereitet sich der Diplom-Ingenieur auf seine Prüfung als Naturheilpraktiker vor. „Das Fachbuch ist sehr umfangreich. Madagaskar gilt, welch ein Glück, als Fundgrube natürlicher Medikamente und Heilmittel“, merkt er an. Darüber hinaus erkundigt Matthias Klingel die Millionenstadt Antananarivo mit ihren Sehenswürdigkeiten per Bus und auf Schusters Rappen. Das Radfahren hat er eingeschränkt, nachdem an dem gerade erworbenen Stahlross „Made in China“ schon nach kurzer Strecke die Pedale abgebrochen waren. Jetzt wird es nur noch für den Weg zur Arbeit genutzt und wegen der eklatanten Mängel nicht mehr für längere Touren.

Hat Klingel anfangs in einem Hotel mit deutsch-madagassischen Besitzern gewohnt, ist er mittlerweile nach intensiver Wohnungssuche in ein kleines Häuschen der Marke Eigenbau umgezogen. Baumängel nimmt er bebenso gelassen hin wie das „einnehmenden Wesen“ der Bevölkerung. Da hat er gleich zu Beginn seines Aufenthalts die notwendigen Erfahrungen gemacht. Denn: „Jeder Weiße gilt hier grundsätzlich als reich und ist ein gern gefragter Freund, wenn es ums Geldleihen geht. Wobei das Rückzahlen allerdings meist rasend schnell in Vergessenheit gerät“.




Dünn besiedelte Rieseninsel

Die Republik Madagaskar im Indischen Ozean ist die viertgrößte Insel der Welt. Durch den Kanal von Mosambik von Afrika getrennt erstreckt sie sich über eine Fläche von 587 000 Quadratkilometern (Deutschland: 357 000 Quadratkilometer).

Die Hauptstadt Antananarivo zählt rund 1,5 Mio. Einwohner, die Gesamtbevölkerung beträgt 17 Millionen (Deutschland: 82 Millionen). Das bedeutet 29 Menschen pro Quadratkilometer (Deutschland: 231)

Neben 18 einheimischen ethnischen Gruppen leben hier 100 000 bis 150 000 Komorer, 27 000 Franzosen, 25 000 Inder und Pakistaner, 9000 Chinesen (überwiegend madagassischer Staatsangehörigkeit). In Madagaskar leben 250 Deutsche.
Die Landessprache ist Madagassisch und Französisch. Es gibt 3,5 Millionen Katholiken, drei Millionen Protestanten, etwa 1,5 Millionen Moslems, im Übrigen Animisten (fast 40 Prozent). Sie glauben, dass alle Lebewesen und Gegenstände von Geistern beeinflusst sind.

Seine Unabhängigkeit erlangte Madagaskar im Jahr 1960. Staatsoberhaupt der Präsidialdemokratie ist Marc Ravalomanana, Président de la République de Madagascar.
Das Parlament besteht aus Nationalversammlung und Senat. Die Regierungspartei TIM (Tiako i Madagasikara /Ich liebe Madagaskar) stellt 112 der 160 Sitze.

Das Pro-Kopf-Einkommen beträgt 264 US-Dollar im Jahr bei einer Inflation von 13,8 Prozent (2004).

Quelle: Auswärtiges Amt

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